Ein Ausstellungsbesuch mit dem Offenen Atelier zeigt Langzeitwirkung. Rückblickend erscheint mir diese Begegnung mit der Farbe “Schwarz” als Wendepunkt in meinem Verhältnis zu bildnerischen Werken und zu mir selbst. - Teil 1

BLACK PAINTINGS - Ausstellungsbesuch des Offenen Ateliers (30.10.2006). Foto: Jürgen Fritsche
Normalerweise bin ich nicht sehr freigiebig damit, eine Sache als die “wichtigste ihrer Art in meinem Leben” zu bezeichnen. In diesem Fall aber kann ich es so sagen:
Black Paintings
Die Ausstellung, die mich in meinem bisherigen Leben am dauerhaftesten beindruckt hat, waren die “Black Paintings“. Jürgen hatte einen Besuch der Ausstellung angeregt und für das Offene Atelier eine Führung organisiert. Bei mir hat dieser Besuch einen Prozess ausgelöst, der erst über ein Jahr später zutage trat und mich noch heute sehr tiefgehend beschäftigt.
Nicht, dass ich je ein grosser Ausstellungsgänger gewesen wäre. Ich besuche genau genommen äusserst selten eine Ausstellung oder ein Kunstmuseum. Früher hat es mich sogar erhebliche Überwindung gekostet, einen Raum mit Bildern an der Wand zu betreten, vor denen andächtige Menschen standen und kluge Sätze flüsterten.
Der erstarrte Gegenstand
Mein Verhältnis zu Bildern im Allgemeinen war - ich sag’s mal höflich: “distanziert”. Bilder sagten mir nichts. Ich schaute drauf, fand sie vielleicht ganz nett und schlenderte weiter zum nächsten, bis ich das Gefühl hatte, jetzt könne ich von mir behaupten: ja, ja, in dieser Ausstellung oder jenem Museum war ich schonmal…
Was mir bei meinen Begegnungen mit Bildern fehlte, glaube ich, war der Aspekt der Zeit, des Ablaufs - das narrative Element.
Sicher: viele Bilder “erzählen eine Geschichte”, sagt man. Aber was sie dann wirklich zeigen ist ein erstarrter Augenblick, in dem das, was eine Geschichte ausmacht, das Vorher und Nachher, die Ursachen und Wirkungen, eingeschlossen sind wie eine tote Maus in einer gefrorenen Pfütze:
Jener letzte Atemzug, zum Beispiel, in dem das Leben den in seiner Badewanne erstochenen Marat verlässt und sein Kopf bereits zur Seite fällt während er Papier und Feder noch in den Händen hält: Irgendwie und irgendwo in diesem angehaltenen Augenblick mag da wohl die ganze Hoffnung und Tragik der Französische Revolution stecken.
Aber als Film wäre mir die Sache lieber…
Black Paintings
Sicher, es gab Ausnahmen.
So erinnere ich mich an eine Art touristischen Pflichtbesuch im Metropolitan Museum in New York vor vielen Jahren, wo plötzlich in einem der ersten Sääle ein Bild meinen Blick fing und festhielt.
Ich verbrachte dann bestimmt eine gute Stunde vor diesem Bild. Obwohl ich das mit der Stunde eigentlich doch nicht so sicher sagen kann, denn für mich war die Zeit in diesem Moment aufgehoben. Sie floss nicht mehr. Sie war kristallin geworden. Ich merkte nur, als ich aus dem Bild erwachte, dass ich sehr müde war und gleichzeitig ungeheurer aufgeregt und glücklich.
Das Bild hatte mich von Ferne erwischt, von der mir gegenüberliegenden Wand des Saals aus.
Die Wahrnehmung ist ein Fluss
Was mir zuallererst auffiel war die photographische Schärfe der Abbildung, die Brillianz, in der das dargestellte Gebäude in jedem noch so feinen Detaill seiner Architekturelemente herausgefeilt war.
Das Bild hatte ein eher kleines Format, aber das war vielleicht sein Trick, mit dem es mich zu sich heranzog wie ein Angler den Fisch am Haken. Und beim Näherkommen verwandelte es sich, löste sich auf in ein Feuerwerk von tanzenden Farbpunkten - so als würdest du immer näher an einen Fernsehmonitor herangehen, bis du deine Nase am Bildschirm plattdrückst.
Abstraktion, sagt man, sei das Abziehen der Wahrnehmung von ihrem Gegenstand und ihre Hinwendung auf das Material der Darstellung.
Es war die “Kathedrale von Rouen“, eine von (wie ich später las) dreiunddreissig Variationen dieser Fassade, die Monet von einem Fenster gegenüber gemalt hatte, während die Lichtstimmungen des Tages vorüberzogen.
Ich habe an jenem Tag kein weiteres Bild mehr ansehen können und habe mich aus dem Museum hinausgerettet in das Strassenleben Manhattans in jenem heissen Sommer von 1979.
Fortsetzung folgt